Dreschflegel e. V.

Kulturpflanzen-Sammlung in Ostfriesland (Autor: Reinhard Lühring)

Seit mehreren Jahren beschäftige ich mich mit der Suche und Erhaltung alter ostfriesischer Landsorten. Dabei wurde mir deutlich, dass sich in Ostfriesland, bedingt durch seine eigenständige und auch "eigenwillige" kulturelle und geografische Lage, überdurchschnittlich viele alte Kulturpflanzen mit ihren besonderen Geschmackstypen sowie das Wissen darüber erhalten haben.

Grundsätzlich beobachte ich, dass diese Landsorten nur noch von hauptsächlich älteren Menschen erhalten und betreut werden. Somit ist es nur eine Frage der Zeit, dass mit den Alten auch die letzten regionalen Kultursorten sterben.

Da selbst in Genbanken so gut wie keine Sorten aus dieser Region vorhanden sind, erhöht sich die Wichtigkeit der Arbeit vor Ort, zumal nicht nur die alten Sorten ihren Wert haben, sondern auch deren kulturelle Bedeutung den Charakter dieser Region mit prägt.


Förderprogramm "Regionen aktiv"

Anfang Juni 2005 fiel die Entscheidung, eine Sammlung alter Kulturpflanzen in Ostfriesland zu machen und diese im Rahmen des Förderprogramms "Regionen aktiv" des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft zu finanzieren. Durch regionale Medien wurde die Bevölkerung dazu aufgefordert, sich zu melden, wenn sich alte oder besondere Kulturpflanzen in ihrer Betreuung befinden.


Jahrhundertealte Kultur

Infolgedessen fuhr ich in der Hauptreifezeit (von Mitte Juli bis Ende September) über die Dörfer. Mit dem Blick über den Gartenzaun knüpfte ich Kontakt mit den ErhalterInnen alter Kulturpflanzen. Es war immer wieder beeindruckend, Menschen zu treffen, die eine jahrhundertealte Kultur mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit leben.

Es gibt Haushalte, in denen bis zu vier verschiedene alte Gemüsesorten erhalten werden, z.B. Grünkohl, Buschbohnen, Stangenbohnen und Trockenbohnen. Das Wissen um die Auslesekriterien der für die Nachzucht bestimmten Pflanzen wurde früher den Kindern mitgegeben, um die nachhaltige Qualität zu gewährleisten, gleichzeitig hat es dazu geführt, dass sich individuelle Sorten entwickelt haben.

Eine Besonderheit sind dabei die vielen Zuckererbsenfunde. Mir wurde berichtet, wie die leckeren Zuckererbsen (Zuckearfen) mit der Aussteuer mitgegeben wurden. Dies erklärt, wie die Sorten zwischen den Dörfern wanderten. Nicht ungewöhnlich ist daher, dass auch heute noch eine alte Zuckererbsensorte von einer Gärtnerin in ihrem großen Hausgarten als Spezialität für ein Restaurant angebaut wird.

Eine Rarität sind außerdem die Funde einer kleinfrüchtigen Puffbohne sowie Schalotten, die 1901 von Ostfriesland mit nach Nordamerika "ausgewandert" sind und nun ihren Weg zurück gefunden haben.


Insgesamt wurden folgende Gemüse gefunden:

  • Stangenbohnen
  • Buschbohnen mit und ohne Faden
  • Wachsbohnen
  • Trockenbohnen weiß, braun und rot-weiß (bunte Hartschielen)
  • Einlochbohnen
  • Puffbohnen
  • hoch und niedrigwüchsige Zuckererbsen
  • Markerbsen
  • Felderbsen
  • Kartoffeln
  • Tomaten
  • Neuseeländerspinat
  • Bauerntabak
  • Schalotten
  • Etagenzwiebeln
  • Winterheckenzwiebeln
  • Grünkohl und der schon verschwunden geglaubte Blaukohl (Futterkohl)

ErhalterInnen und Nachfolgeprobleme

Auf meinen Sammeltouren habe ich mittlerweile insgesamt über 120 verschiedene Herkünfte alter Gemüsesorten gefunden. Auf meine Nachfrage hin wurden mir mehrere Gründe dafür angegeben, die alten Kultursorten zu erhalten. Der gute Geschmack und die Gesundheit der Pflanzen sind Kriterien, die aus gekauftem Saatgut gezogene Pflanzen oft nicht erfüllen.

Darüber hinaus erfüllt es die ErhalterInnen mit Freude und Stolz, die eigenen Sorten wachsen zu sehen. Die AnbauerInnen sind fast alle über 70 Jahre alt. Sie erhielten ihr Saatgut meistens von ihren Eltern oder von Verwandten, NachbarInnen oder Bekannten.

Auf die Frage, wer die Sorten nach ihnen weiter pflegt, gaben die meisten an, dass es keine Nachfolger gibt, bzw. dass die Kinder kein Interesse daran haben, diese Kultur aufrechtzuerhalten. Einige der alten Leute gaben mir ihr Saatgut, da sie selbst zu alt seien um dieses noch einmal aussäen zu können. In zwei Fällen kam ich schon zu spät, denn es wurde mir von alten Sorten berichtet, die erst seit wenigen Jahren nicht mehr vermehrt werden.


Erhaltungspläne für die Zukunft

Die gefundene Sorten will ich im Folgejahr 2006 anbauen, sichten und beschreiben, um einen genauen Überblick zu erlangen, wie groß die Vielfalt ist. Parallel dazu will ich Perspektiven erarbeiten, wie diese alten Sorten möglichst in der Region neue ErhalterInnen finden, damit unser kulturelles Erbe am Leben erhalten bleibt.


Gemüsebroschüre "Ostfriesisches Gemüse" zum Download (PDF)


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