Dreschflegel e. V.

Evolution aus dem Labor
Vielfalt auf dem Acker und warum das nicht zusammen passt
(Autorin: Alexandra Fritzsch 2022)

Dieser Text beginnt mit einer Ohrfeige:

„Schon jetzt ersetzen wir das taube, dumme, blinde System, das über die Erdzeitalter hinweg das genetische Material auf unserem Planeten geformt hat, durch ein System der bewussten, absichtsvollen, von Menschen gelenkten Evolution“(1).

Auweia! Habe ich das wirklich richtig gelesen? Nochmal – oh ja, doch. Hmm ... Moment!

Wenn es tatsächlich stimmte, was die Nobelpreisträgerin Jennifer Doudna da schreibt, wäre auch sie selbst Produkt und somit Teil dieses „taube[n], dumme[n], blinde[n] System[s]“. Besitzt denn jemand, so defizitären Prozessen entstammend wie Evolution einer zu sein scheint, überhaupt die Fähigkeit, selbst „ein System der bewussten, absichtsvollen, von Menschen gelenkten Evolution“ zu erschaffen? Klingt gefährlich …

Wenn wir genauer darüber nachdenken, was dabei herausgekommen ist, wenn Menschen, mal mehr, mal weniger „bewusst“ und „absichtsvoll“, in Systeme eingegriffen haben, die unseren Planeten über Erdzeitalter hinweg formten, bekommen wir schnell eine Erklärung für den Zu-stand, in dem sich Menschheit und Planet derzeit befinden (wer von beiden den längeren Atem hat, dürfte bekannt sein). Wir befinden uns mitten im sechsten großen Massensterben der Erdgeschichte. Beim letzten Mal traf ein Asteroid die Erde, und die Dinosaurier starben aus. „Diesmal ist der Asteroid ein Affe. Ein Affe, der Kleidung trägt und auf zwei Beinen läuft“ (2).


Neue Gentechnik und Gentechnikrecht

Jennifer Doudna hat durch ihre Forschung gemeinsam mit Emanuelle Charpentier den Grundstein für die molekularbiologische Methode des CRISPR/Cas (3) gelegt. Damit sollen gezielte Schnitte in der DNA gemacht und so Gene entfernt, eingefügt oder ausgeschaltet werden können. Es wird behauptet, das Verfahren sei in der Pflanzenzüchtung präziser als die Methoden der sogenannten „alten Gentechnik“. CRISPR/Cas wird als der wissenschaftliche Meilenstein seit der Entdeckung der Doppelhelixstruktur der DNA gefeiert.

Um die Agro-Gentechnikdebatte war es seit dem Aussetzen der Freisetzungsversuche in Deutschland Ende der Nullerjahre leiser geworden. Jetzt wird sie lauter geführt denn je, denn die Lobbyist*innen sind nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes der Meinung, die neuen Verfahren dürften zukünftig nicht mehr unters Gentechnikrecht fallen, da sich die Veränderungen nicht nachweisen ließen. (4) Faktisch muss bei der Antragstellung auf Zulassung eines gentechnisch veränderten Organismus (GVO) nach geltendem Recht ein Nachweisverfahren mitgeliefert werden. Also ist der Gentechniklobby eine Neuverhandlung des Gentechnikrechts immens wichtig.

In den kommenden Jahren wird es für die konzernunabhängige Saatguterzeugung und Züchtung um alles gehen: Wie werden die Gesetzgeber*innen reagieren? Wird in der Überarbeitung des Gentechnikrechts die neue Gentechnik aus der Regulierung ausgeklammert oder gar die alte Gentechnik gleich mit dereguliert? Und was würde das für uns bedeuten? Bevor es darum geht, lassen wir den Blick in andere Richtungen schweifen.


Züchtungsblicke

Unsere Ablehnung von alter und neuer Gentechnik bedeutet nicht, dass wir vorher entwickelte Züchtungsverfahren allesamt gut finden. Auch in der Vergangenheit fanden (und finden) in der Pflanzenzüchtung Methoden Anwendung, die wir aus ökologischen sowie ethischen Gründen ablehnen. Durch Strahlung oder bestimmte Chemikalien absichtlich ausgelöste Mutationen beispielsweise gehören nicht in unseren Tätigkeitsbereich. Ebenso lehnen wir die Produktion von Pflanzen ab, die selbst keine fruchtbaren Nachkommen hervorbringen können. Derjenigen Techniken, die auf Ovarien- oder Embryokulturen basieren, bedienen wir uns ebenfalls nicht. (5)

Wir setzen uns ein für eine Pflanzenzüchtung, der die ethischen und ökologischen Grundsätze des Ökolandbaus zugrunde liegen: „Die Prinzipien des ökologischen Landbaus (Gesundheit, Ökologie, Gerechtigkeit und Sorgfalt) gelten als Leitlinien für das züchterische Handeln.“ (6) Unsere Züchtungsarbeit, zu der bei uns vor allem die Erhaltungszüchtung, aber auch Neuzüchtung zählt, beruht vor allem auf Selektion im Pflanzenbestand. Die Kulturpflanzen dürfen mit dem Boden und den sie umgebenden klimatischen Gegebenheiten interagieren. In der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt erhalten sie sich Reaktions- und Anpassungsfähigkeit.

„Die Kunst der Züchter*innen besteht darin, aus der vorhandenen Variation den besten Kompromiss zu finden“(7). Heraus kommt dabei nie die eierlegende Wollmilchsau, sondern eine zum Selektionszeitpunkt optimale Kombination aus Ertrag (Ertragssicherheit vor Ertragssteigerung!), Pflanzengesundheit und Qualität.

Wir fokussieren in unserer Züchtung nicht ein vorher definiertes Endprodukt, sondern betrachten sie als einen nie enden wollenden Prozess. Den können wir als Züchtende zwar beeinflussen, indem wir annehmen oder aussortieren, was uns die Sorte anbietet. Die Veränderungen jedoch bringen die Pflanzen selbst hervor, als Ergebnis ihres Zusammenspiels mit den sie umgebenden Faktoren.

In der Züchtungs- und Gentechnikdiskussion werden Argumente auf vielen Ebenen vorgebracht. Den einen geht es um die Bewahrung der Schöpfung, und die anderen streiten über biologische Barrieren, ob und wenn ja wie tief ein Eingriff in einen Organismus oder gar eine Zelle vordringen darf.

Viel weitreichender jedoch ist in der gesamten Züchtungsfrage eine sozio-ökonomische und politische Betrachtungsweise, die es uns ermöglicht, Züchtungsmethoden anders zu bewerten. Dabei geht es nicht zuletzt um die Frage: „Wie wollen wir in Zukunft leben?“ und dieses „Wir“ darf sich nicht auf uns Menschen im globalen Norden beschränken.


Industrielle versus bäuerliche Landwirtschaft und Klimawandel

Die industrielle Landwirtschaft verlangt einen hohen Einsatz an Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, nicht selten Bewässerung und bedeutet generell einen großen technischen Aufwand. Die daraus resultierenden Probleme sind bekannt: Monokulturen sind anfälliger für Wetterextreme, Bodenerosion, Krankheiten und Schädlinge. Die Landwirtschaft spürt ganz unmittelbar die negativen Auswirkungen des Klimawandels. Und trägt doch selbst erheblichen Anteil daran, ebenso wie am rasanten Artensterben.

Die Verfechter*innen neuer gentechnischer Verfahren sehen in diesen eine Lösung, um schneller als mit konventioneller Züchtung dem Klimawandel gewachsene Pflanzen zu erzeugen. Immer wieder ist von Trockenheitsresistenz zu lesen, denn Dürre sei ein Hauptgrund für Hunger. (8) Und den Welthunger zu bekämpfen, ist eines der hehren Ziele der Gentechnikbefürworter*innen.

Konkrete Beispiele für die Anwendung der neuen Gentechnik lassen uns entgeistert den Kopf schütteln: herbizidresistenter Raps, blutdrucksenkende Tomaten, steinlose Kirschen (9) – so dient das Hungerargument wie schon bei der alten Gentechnik wieder nur der Akzeptanzbeschaffung!?

Trockenheit ist nicht alleiniger Grund für Hunger. Verteilungsungerechtigkeiten und Ausbeutungsverhältnisse, kriegerische Auseinandersetzungen und Konflikte (nicht selten ausgelöst durch Klimawandelphänomene) sowie die (beabsichtigte) Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen und Anbausysteme sind dabei ebenso anzuführen.

Die industrielle Landwirtschaft ist selbst Teil des Problems, darum kann ein „Mehr davon“ nicht die Lösung sein, „mehr davon“ ist nicht zukunftsfähig. Doch die Gestaltung der Zukunft ist eine Machtfrage.


Machtverhältnisse: Technik-Kolonialismus versus Nahrungsmittelsouveränität

Welche verheerenden Auswirkungen das koloniale und neokoloniale System für einen Großteil der Menschheit – auch in Bezug auf Ernährungssouveränität – hat, belegen die letzten 500 Jahre Geschichte. Was wir befürworten, sind weltweit dezentrale Strukturen statt Technikhoheit im globalen Norden, der dem Süden „helfen“ will. Züchtung, Saatgutvermehrung und Nahrungsmittelversorgung müssen dezentral stattfinden!

Mehr Menschen, die Züchtung und Vermehrung als ein (bäuerliches und gärtnerisches) Handwerk begreifen und auch ausüben können, würden sicher stellen, dass an vielen Orten auf der Welt an Sorten gearbeitet werden kann, die eine für die jeweilige Region große Standortangepasstheit zu entwickeln vermögen. Regionale und lokale Strukturen auf- und auszubauen und sich gegen ihre Zerstörung zu wehren, ist wichtig. Nicht aus einer protektionistischen oder gar Blut-und-Boden-Ideologie heraus, sondern damit alle Erzeuger*innen und Konsument*innen so unabhängig als möglich von globalen Großstrukturen sein können. Nur so lassen sich Ernährungs- und Saatgutsouveränität gewährleisten.

Dafür muss es Landwirt*innen möglich sein, selbst zu wählen, ob sie aus der Ernte auch Saatgut für den nächsten eigenen Anbau behalten wollen. Diese Wahlmöglichkeit besteht nur, wenn das Ausgangssaatgut nachbaufähig und nicht patentiert ist. Durch die Anwendung patentierter und hochtechnischer Laborverfahren wird diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen – und damit auch Unabhängigkeit und die Chance auf Selbstermächtigung! Niemand sollte die ökonomischen und technologischen Mittel in der Hand haben dürfen, um über die Ernährung und Ernährungsgewohnheiten der Weltbevölkerung bestimmen zu können.


Vielfalt als Teil einer Lösung

Nein, es war kein Tomatenjahr und auch die Gurken wollten nicht so recht, aber dafür wuchs der Kohl wie verrückt, und vor den wuchernden Kürbissen musste ich mich schon fast in Sicherheit bringen. Gärtner*innen kennen das. In dem einen Jahr wird jenes besser, im nächsten gelingt etwas anderes besonders gut. Dieslässt sich jedoch nur feststellen und wir können davon nur profitieren, wenn die Ernte nicht von einer einzigen Kultur abhängt, sondern von verschiedenen Arten (und vielleicht sogar Sorten). Indem Gärtner*innen nicht alles auf einige wenige Kulturen setzen, betreiben sie eine gewisse Risikostreuung und leisten einen Beitrag zur Agrobiodiversität.

Subsistenzwirtschaft und kleinbäuerlich geprägte Anbausysteme sind diverser und dadurch ertragreicher und -sicherer als Monokulturen auf Riesenflächen. Eine Studie der Weltbank hat ergeben, dass „der quantitative biologische Ertrag pro Flächeneinheit im kleinstrukturierten Landbau drei bis vierzehn Mal höher liegt als in der industrialisierten, monokulturelle Landwirtschaft.“ (10) Mittels Gentechnik bearbeitete Pflanzen sind für eine hochtechnisierte Landwirtschaft gemacht, die diese kleinen, für die Ernährungssouveränität so essentiellen Strukturen zerstört.


Fazit

Gentechnik im Züchtungprozess, aber auch Hybridzüchtung sind Methoden, die einen äußerst reduktionistischen Ansatz verfolgen. Die Reaktions- und Anpassungsfähigkeit von Pflanzen wird nicht durch einzelne Gene gesteuert. Die Sichtweise, die der Gentechnik zugrunde liegt – Gen schafft Eiweiß, Eiweiß generiert Eigenschaft – ist veraltet und verkennt, dass es nicht die Gene selbst sind, die die Genregulation steuern, d.h. wann welches Gen aktiviert wird. Vielmehr ist es das Zusammenspiel von Umwelt und gesamter Pflanze.

Darum ist es wenig wahrscheinlich, dass durch Veränderungen einzelner Genomabschnitte zum Beispiel eine so komplexe Eigenschaft wie Dürreresistenz „eingebaut“ werden kann. In klimatisch schon immer eher trockenen Gegenden gibt es auch Kulturpflanzenbau. Nur werden dort eben andere Pflanzenarten angebaut und konsumiert, als von der industriellen Nahrungsmittelproduktion heute angestrebt. Auch mit Blick auf sozio-ökonomische und ökologische Faktoren muss Pflanzenzüchtung, die in Laboren stattfindet, ein reduktionistischer Blick vorgeworfen werden.

Werden die neuen gentechnischen Verfahren per Gesetz dereguliert (d. h. sie unterliegen dann nicht dem Genetechnikgesetz, Produkte müssen nicht gekennzeichnet werden, etc.), ist perspektivisch keine gentechnikfreie Saatgutarbeit mehr möglich. Uns und allen Gärtner*innen würde die Wahlfreiheit genommen werden.

An vielen Beispielen der vergangenen zwei Jahrzehnte ist schon deutlich geworden, dass gentechnische Konstrukte, einmal in die Welt gebracht, immer wieder unerwartet anderswo auftauchen und nicht rückholbar sind. Ein Nebeneinander geht in der Natur nicht, Natur ist immer miteinander, ineinander. Dasselbe gilt für (globale) Handelsströme. Darum ist Koexistenz von gentechnikfreier und Landwirtschaft, die mit GVO arbeitet, schlicht unmöglich.

Wir können Pflanzen nur sehr bedingt „passend machen“ für unsere Bedürfnisse (und eigentlich geben sie uns auch schon seit Jahrtausenden das, was wir brauchen), anpassen an ein Ökosystem müssen sie sich selbst. Dem Klimawandel gewachsen sein können nur Pflanzen, die überhaupt wachsen dürfen. Mittendrin im Wandel. Doch dazu müssen wir ihnen die Chance geben: sie anbauen, sie in eine Umgebung bringen, in der sie sich behaupten, mit der sie sich auseinandersetzen müssen. Und es gilt, den Klimawandel zu begrenzen, anstatt ihn mit noch mehr vom Alten anzuheizen.

Evolution hat kein Endprodukt im Sinn, sondern ist ein Prozess, ein Weg, auf dem wir alle uns befinden. Durch langsame Anpassung und manchmal schnelle Reaktion sind hochkomplexe Organismen entstanden, die mitunter mehr als hundert Jahre lang „wartungsfrei“ laufen, wie beispielsweise Galapagos-Riesenschildkröten. Keine von Menschen erfundene und konstruierte Maschine hat dies bisher geschafft.


Fußnoten

(1) J. Doudna, S. H. Sternberg, 2017: Eingriff in die Evolution. S. 251-252.
(2) F. Habekuß: Einer fehlt. DIE ZEIT Nr. 38/2021.
(3) Eine Informationsbroschüre zum Einsteigen und Auffrischen: IG Saatgut: Schöne Neue Gentechnik?! Anwendungen in der Landwirtschaft. Siehe Literaturangebot auf S. 88.
(4) Nachweise sind doch möglich: Alexander Hissting: Neue Gentechnik-Produkte sind nachweisbar. in: AbL e.V. 2021: CRISPR & Co. Neue Gentechnik – Regulierung oder Freifahrtschein? Hamm. S.64ff. Siehe Literaturangebot auf S. 88.
(5) Ein breiter Überblick über die in der Pflanzenzüchtung angewandten Methoden samt Einschätzung für die ökologische Züchtung findet sich in folgendem Dossier: FIBL, 2012: Techniken der Pflanzenzüchtung. Eine Einschätzung für den ökologischen Landbau. Frick. www.fibl.org/fileadmin/documents/shop/1200-pflanzenzuechtung.pdf
(6) www.fibl.org/fileadmin/documents/de/news/2011/messmer-wilbois-etal-2011-grundlagenpapier.pdf. S. 2.
(7) 7FIBL, 2012, a. a. O. S. 29.f
(8) dazu: Q. Wember: Der Dürresommer 2018 – Brennende Argumente der Gentchniklobby. Saaten & Taten 2019, S. 111
(9) E. Gelinsky, 2021: Neue GV-Pflanzen. Präsentation auf dem Workshop der Fachstelle zu Gentechnik und Umwelt, Berlin, Februar 2021.
(10) S. Lohrberg, 2020: Agro-Gentechnik. Eine biologisch-soziologische Analyse unter Anwendung der kritischen Theorie. München. S. 18.

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